Titelseite - Lokales - der WN vom 7. Juni 2003

Zeitzeuge berichtet über die NS-Zeit

Schöppingen. Einen Zeitzeugen des Holocaust hatte die Hauptschule jetzt zu Gast: Helmuth Noach überlebte als Einziger seiner Familie die Judenverfolgung - und hinterließ Nachdenklichkeit bei den Schülern.

Helmuth Noach berichtete über seine Erlebnisse während des 

Dritten Reiches.

 

WN vom 7. Juni 2003

Angst vor Entdeckung war allgegenwärtig

Jüdischer Zeitzeuge der NS-Zeit zu Gast in der Kardinal-von-Galen-Hauptschule / Nachdenklichkeit bei den Schülern

Schöppingen. Helmuth L. Noach ist Jude und Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs. Er kam jetzt als Gast in den Klassen 10A und 10B der Kardinal-von-Galen-Hauptschule und erzählte im Rahmen der Unterrichtsreihe über den Nationalsozialismus von seinem Leben während des Nazi-Regimes. Die Schüler waren von dem Vortrag sehr ergriffen - Filme und andere historische Quellen können nicht so beeindrucken, wie der Bericht eines Zeitzeugen. Zu Anfang der Stunde hatte Noach die Vornamen seiner Eltern und Geschwister an die Tafel geschrieben - immer wenn im Verlauf des Vortrags einer verstarb, wischte er den Namen weg. Am Ende blieb ein einziger Name stehen: Helmuth. Wir waren ganz still und ziemlich betroffen, keiner hat mehr ein Wort gesagt, berichten die Schülerinnen Kristina Smolinski (16) und Sarah Doedt (16). Sie fassten für die WN Noachs Vortrag zusammen:
Helmuth L. Noach wurde 1927 in Köln geboren und lebte dort mit seinen Eltern und fünf Geschwistern, bis sein Vater nach Holland ging und von dort nach Israel auswanderte. Er ließ Frau und Kinder zurück, somit waren sie auf sich allein gestellt. Da die Lage für Juden in Deutschland immer schwieriger wurde, suchte seine Mutter Rat bei der Botschaft. Daraufhin zogen sie nach Amsterdam, wo Helmuth Noach und seine Geschwister zur Schule gingen und Freunde fanden. Dies alles geschah zwischen 1933 und 1940.

Berichtete eindrucksvoll über die Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes: Helmuth Noach überlebte als Einziger seiner Familie das Holocaust-Drama.

Das Leben der Juden wurde nun schwerer. Man erließ immer mehr Verbote gegen sie und das Tragen des Davidsterns wurde vorgeschrieben, was für Helmuth Noach und viele andere Juden zu dieser Zeit noch das Schlimmste war. Als die Deportationen anfingen, stieg die Angst der Familie Noach, selbst in ein Konzentrationslager gebracht zu werden. Seine zwei ältesten Brüder Alfred und Harrij waren die Ersten der Familie, denen dies passierte. Dann kam die Polizei in Noachs Wohnung und verschleppte Helmuths jüngsten Bruder, seine Schwester und seine Mutter ins KZ. Helmuth hatte Glück - er hatte sich bei der Durchsuchung in der Pelzmacherei, wo er arbeitete, hinter einem Schornstein verstecken können. Eine Nachbarin half ihm und seinem größeren Bruder Walter, der ebenfalls den Polizisten entkommen war, ein Versteck zu finden.
Die Brüder tauchten bei einer Familie auf einem Bauernhof unter und bekamen einen kleinen Raum, der etwas größer als eine Besenkammer war. Dort verbrachten sie zweieinhalb Jahre in der ständigen Angst, entdeckt zu werden. Oft hatten sie nichts zu essen und konnten sich nicht waschen, bis am 9. Mai 1945 der Krieg vorbei war. Kurz darauf starb Walter an Unterernährung - er hatte während der Notzeit seinem jüngeren Bruder Helmuth immer den größeren Anteil des wenigen Brotes, das da war, gegeben.
Helmuth Noach war mit 18 Jahren ganz auf sich allein gestellt, von seiner Familie lebte niemand mehr. Er ging zur holländischen Armee. Seit zehn Jahren erzählt Noach seine Geschichte in Holland, Deutschland und der Schweiz. Damit will er uns eine Botschaft mitgeben und uns warnen: Jeder sollte tolerant bleiben und auch das Gute im Menschen sehen. Helmuth Noachs Schlusszitat von Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker gab uns allen sehr zu denken: Wer die Augen verschließt vor der Vergangenheit, ist blind für die Gegenwart."

Fotos:Kardinal-von-Galen-Schule