WN vom 3.Juli 2002

Schulen stemmen sich gegen die Leseunlust 

Pisa-Studie: Wie reagieren Hauptschulen?

-rs- Schöppingen/Ahaus-Alstätte. Jutta Limbach liest. Jeden Morgen setzt sie sich hin, für eine Stunde, und liest schöngeistige Literatur, liest Belletristik. Warum sie das macht? Damit ich geistig nicht verwahrlose! Die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und jetzige Chefin des Goethe-Institutes ist eine Leserin, wie sie im Bilderbuch steht. Besonders ansteckend wirkt ihre Leselust und die vieler anderer Leseratten aber nicht. Stichwort Pisa: 39 Prozent der nordrhein-westfälischen lesen ungern, hat die länderübergreifende Studie festgestellt. Auch viele Schüler der Schöppinger Kardinal-von-Galen-Schule und der Alstätter Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule machen da keine Ausnahme.


Das Interesse an Büchern hat abgenommen, bestätigt Schulleiterin Mechthild Meyer. Das liege zum einen in der Medienvielfalt, die heutzutage auf die Schüler einwirke, zum anderen aber auch am vielfach schlechten Vorbild der Eltern. Wenn ein Kind mit einem Buch in der Ecke herumschmökert, wird das auch einmal als Faulenzen fehlinterpretiert. Die Schule tut dennoch ihr Möglichstes, die Leselust ihrer Schüler zu wecken. So lädt die Hauptschule jährlich einen bekannten Jugendbuch-Autor nach Alstätte ein. Wenn die Schüler Geschichten aus erster Hand erfahren, dann ist das oftmals ein entscheidender Anstoß dafür, sich mehr mit dem Lesen zu beschäftigen, berichtet Mechthild Meyer. In diesem Sinne also eine lohnende Investition für die Schule, die sich die Einladungen einiges kosten lässt. Gleiches gilt für die Schulbücherei: Wir achten darauf, dass der Buchbestand stets auf einem aktuellen Stand ist. Honoriert werde das von den Schülern aber nicht in jedem Fall.


Lesen ist eine Schlüsselqualifikation, die Voraussetzung schlechthin für erfolgreiche, tiefschürfende Bildung. Das hat auch die Kardinal-von Galen-Schule erkannt. Um Bücher und Zeitungen wieder vermehrt in den Vordergrund zu rücken, hat sich in der Schöppinger Hauptschule das Lesetagebuch bewährt, wie Deutschlehrerin Barbara Beckmann berichtet. Die Fünft- und Sechstklässler bekommen jeden Tag Aufgaben im Unterricht gestellt, die sie hungrig auf das Lesen machen sollen. Da werden Texträtsel gelöst, bestimmte Szenen aus der gerade behandelten Lektüre bildlich umgesetzt, oder es wird ein Brief an die Hauptfigur der Handlung geschrieben. Mit diesen ,Tricks haben wir durchweg gute Erfahrungen gesammelt, sagt Schulleiter Harald Hausmann. So großen Erfolg, dass bereits einige seiner Kollegen aus der näheren Umgebung sich auf einem Informationsabend über das Schöppinger Modell des Lesetagebuches genauer kundig gemacht haben.


Und doch haben es die Schulen schwer: Was im Elternhaus versäumt worden ist, kann nur mit viel Lehrer-Engagement, wenn überhaupt, wieder ausgemerzt werden. Hinzu kommt die Macht der Gewohnheit: Viele unserer Schüler finden nach dem Unterricht ein leeres Elternhaus vor, da ist die Verlockung natürlich groß, den Fernseher einzuschalten und sich berieseln zu lassen, weiß Barbara Beckmann. Laut Pisa gehören 25 Prozent der 15 Jahre alten Schüler zur Risikogruppe der schwächsten Leser, die kaum weiterbildungs- oder ausbildungsfähig seien. Hoch ist der Anteil von Schülern, der gar nicht liest: Mit etwa 20 Prozent des Altersjahrgangs ist der Anteil schwacher und schwächster Leser in Deutschland ungewöhnlich groß.


Eine Betreuung in einer Ganztagesschule beziehungsweise auch in den Ferien und am Wochenende, wie sie Bildungsexperten fordern, sähe auch Barbara Beckmann als sinnvoll an - zumindest für einen Teil unserer Schüler. Ein solches Angebot kostet aber Geld. Geld aus öffentlichen Kassen, die leer sind. Von daher bin ich nicht sehr optimistisch, dass es auch kommt.

    

Im Umgang mit dem Computer sind viele Schüler spitze, beim Lesen weniger: Dieser Tendenz wollen die Hauptschulen in Alstätte und Schöppingen entgegenwirken.